








Der Winter ist für viele Menschen nicht gerade die Lieblingsjahreszeit. Kalt, matschig, dunkel. Müdigkeit und Antriebslosigkeit waren auch lange meine Begleiter für die kalte Jahreszeit. Dabei muss das gar nicht sein. Hier erzähle ich, wie ich meinen Winterblues besiegt und den Winter lieben gelernt habe. Auch du kannst das!
Das Warten auf den Sommer abschaffen
Es gab eine Zeit, da mochte ich den Winter so gar nicht. Er war kalt, matschig, grau, mehr sah ich nicht. Das Einzige, was mir noch gefiel, war Weihnachten. Ab Januar konnte ich den Frühling – obwohl, eigentlich den Sommer – kaum erwarten. Was konnte man auch schon groß tun im Winter? Außer durch die Matsche waten. Eigentlich wollte ich es immer warm haben. Eigentlich wartete ich immer auf den nächsten Urlaub im Sommer, auf das warme Meer. Darauf, dass ich mich in der Sonne bräunen konnte. Ich weiß gar nicht, wie lange das nun schon her ist. Es kommt mir so vor, als wäre ich da eine völlig andere Person gewesen. Öfter unzufrieden, denn das Jahr bestand ja nicht hauptsächlich aus dem Sommerurlaub. Ich wartete also den Winter über auf den Sommer, zählte die Wochen, bis es warm wurde, ich wieder in den Flieger Richtung Süden steigen konnte. Und dann war es vorbei. Dieser Winterblues war verschwunden und kam nie wieder. Er machte Platz für etwas Neues, etwas Großartiges. Die Liebe für die Jahreszeiten war da.
Eine meiner wichtigsten Erfahrungen
Das geschah nicht ganz so plötzlich, wie es sich heute vielleicht anfühlt. Ich entschied mich bewusst dafür, dass ich nicht mehr ständig „warten“ möchte. Ich wollte das sehen, das direkt vor mir war. Neben meiner Familie, die das Großartigste für mich war und ist, war da eben auch der Winter. Und war der wirklich so blöd? Ich hinterfragte das. Ich erkannte, dass ich all die Jahre auch beeinflusst wurde. Egal wo ich war, beim Arzt, beim Einkaufen oder auch bei Bekannten. Es hieß: „Mistwetter“. Ich wollte nicht mehr so denken, ich hatte das „Warten“ satt und es war erstaunlich zu begreifen, dass ich ganz allein etwas gegen diese Einstellung unternehmen konnte. Ich bin selbst für meine Haltung verantwortlich, bis heute denke ich mir, dass das eine meiner wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben ist. Und was kam dann? Das Erste, was mir ins Auge fiel, war die Tatsache, dass ich Weihnachten liebe, sehr liebe. Also wurde der Dezember zu einem grandiosen Monat. Mit Backen, Musik, Tanzen, Schmücken, englischen Weihnachtskrimis à la Agatha Christie, Weihnachtsmärkten und Filmen. Den Januar nutze ich seitdem zum Ausruhen. Noch mehr lesen als sonst, mehr Spiele spielen mit der Familie. Mehr „Drinnen-Hobbys“ ausüben. Am Wochenende stehe ich ganz früh auf, sitze im Dunkeln mit einer Kerze im warmen Wohnzimmer unter der Decke, mit meinem Kindle. Es ist herrlich. Meine Spaziergänge sind zwar oft kalt und matschig, aber Kälte macht mir im Grunde nichts aus. Mittlerweile mag ich sie sehr gerne. Die Luft ist klar und riecht gut. Die Stille in der Natur ist beruhigend. Die Ausflüge in der Stadt laden länger zum Verweilen im Café ein. Ich habe so viel Schönes im Winter entdeckt.
Der schönste Himmel des Jahres
Ganz besonders fallen mir mittlerweile die Farben auf. Es ist nicht alles grau. Wenn es schneit, sieht selbst der trostlose Rewe-Parkplatz hübsch aus. Die letzten Eichenblätter am Baum haben eine kräftige braune Farbe. Die Farne am Bach heben sich hellbraun vom Hintergrund ab. Da das Grün der Bäume verschwunden ist, glänzen die Braun- und Beigetöne umso mehr. Die Vögel sind zu sehen, sie können sich nicht in den Bäumen verstecken. Das Bäuchlein der Rotkehlchen macht was her, und wer etwas Zeit hat, kann Eichhörnchen beobachten. Vor allem aber liebe ich den Himmel im Winter. Wenn dann nämlich die Sonne scheint, ist es der schönste Himmel des ganzen Jahres. Das Blau ist das ganze Jahr über nicht so sanft, die zartrosa Wolken am Morgen erinnern an Zuckerwatte. Ich stehe mit der Sonne auf, sehe den Sonnenaufgang vom Fenster aus, (manchmal aus der Bahn) der jeden Tag ein wenig anders erscheint. Das alles ist da und wunderschön. Kein Grund für Unmut. Jahreszeiten sind nun einmal da, wir leben nicht in Cartagena (Kolumbien), wo die Temperatur das ganze Jahr nie so wirklich unter 24 Grad sinkt. Ich dachte mir damals, ich habe zwei Möglichkeiten: den Winter lieben lernen oder nach Cartagena auswandern. Da ich das nicht wollte, öffnete ich mein Herz für den Winter.
Die Natur braucht den Frost, wieso also nicht ich?
Vorbei war das ständige Nörgeln über das Wetter. Ich kann es nicht ändern, warum also meckern über etwas, das man nicht ändern kann? Mittlerweile liebe ich wirklich alle Jahreszeiten von Herzen. Ich möchte auf keine verzichten. Ich lebe ganz bewusst mit ihnen. Der Winter ist zum Ausruhen und Reflektieren da. Ich nehme mir die Zeit zu schauen, was war und was kommen kann, und vor allem, um zu schauen, was ist. Ich komme zur Ruhe und tanke ganz viel Energie. In den warmen Monaten bin ich unheimlich viel draußen, wenn das Wetter „ungemütlich“ ist, bin ich mehr drin und genieße das dann in vollen Zügen. Außerdem führt doch „ungemütliches“ Wetter zu „gemütlichen“ Stunden daheim. Dafür können wir doch dankbar sein. 😊 Ganz zu schweigen davon, dass die Natur sich auch freut, zur Ruhe zu kommen. Der Boden braucht den Frost, denn manche Pflanzen keimen erst dann, wenn sie eine gewisse Zeit Temperaturen um den Gefrierpunkt ausgesetzt waren. Wir können es der Natur gleichtun und uns anpassen, um dann aufgeladen in den Frühling zu starten.
Nicht immer 100%
Ich denke auch, dass, wenn wir das einmal ganz nüchtern betrachten, der Mensch im Winter eh nicht so leistungsstark ist wie in den warmen Monaten. Wir wollen das ganze Jahr über 100 % geben, es wird teilweise von uns verlangt. Aber das müssen wir gar nicht, es reichen auch 75%, oder 50%. Wenn wir etwas nachsichtiger mit uns wären, hätten wir kein Problem damit, runterzufahren. Im Winter ist die Zeit für gemütliche Stunden daheim, für Museen, für lange Cafébesuche, aber auch für Spaziergänge in der Natur und zum Vögelbeobachten. Eine Erinnerung fällt mir da ein: Wir waren einmal Anfang Februar ein Wochenende in London, wir besuchten die Harry-Potter-Filmstudios, und ich muss sagen, der Winter war dafür genau richtig. Es war nicht so voll wie im Sommer (wir waren auch schon im Juli in London). Die Straßen waren freier, die Sehenswürdigkeiten nicht so überlaufen. Auch hier kommt es wieder auf unsere Erwartungshaltung an. Wir können ganz viel Wunderbares immer und überall im Alltag finden, egal zu welcher Jahreszeit. 😊

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