
Der Hans liebt die Autos, die Ulla ist ganz verrückt nach den Naturwissenschaften. Dem Onkel macht in der Garage niemand etwas vor und die Tante weiß alles, wirklich alles, über die Geschichte der Preußen. Und ich? Na, ich liebe eben die Vielseitigkeit. Ist das schlimm? Nein!
Keine Expertin
Wer mag sie nicht: Enten. Sie sehen drollig aus – ihre Proportionen, ihr Watscheln, wenn sie losfliegen, auf einem Bein dastehen und den Kopf zum Schlafen in den Nacken legen oder wenn sie ihren Po in die Höhe strecken beim Abtauchen. Vor allem sind Enten aber eines: Alleskönner. Sie können fliegen, schwimmen, laufen. Aber wenn man mal genauer hinschaut, merkt man schnell: Sie sind in allem nicht unbedingt Profis. Nicht so grazil wie ein Reh beim Gehen, ein Falke beim Fliegen, ein Fisch beim Schwimmen. Ich finde das liebenswert. Und ich habe viel mit einer Ente gemein. Denn auch ich kann vieles, bin aber in nichts so wirklich ein Profi. Ich konnte mich nie so wirklich auf das „Eine“ festlegen. (Zum Glück ist mir das im Liebesleben gelungen. 😊) Als „sprunghaft“ habe ich mich früher bezeichnet, was immer einen gewissen negativen Beigeschmack hatte. Als wäre ich nicht zuverlässig, nicht ehrgeizig genug. Irgendwann stieß ich im Internet dann auf den Ausspruch „Ich bin eine Ente“ und las mir etwas dazu durch und ja: Ich bin eine Ente. Denn dieser Begriff steht für Menschen, die alles Mögliche können, aber nirgends ein/e „richtige/r“ Experte/in sind.
Wusstest du, wie der Mount Everest zu seinem Namen kam?
Vor allem bedeutet das nämlich eines: Ich bin vielseitig. Ich habe viele Interessen und diese lassen sich nicht in eine Kategorie unterbringen. Immer wieder gerate ich in meine sogenannten „Phasen“. Es reicht ein Funke, der wer weiß woher kommt, und schon stecke ich in tiefen Recherchen zu Christoph Columbus, dem Mount Everest oder der Band Queen. Meine Familie und Freunde wissen genau, was auf sie zukommt: Vorträge über die jeweiligen Themen. „Columbus hat zu seinen Lebzeiten nie erfahren, dass er Indien nie erreicht hat …“ – „Der Mount Everest wurde nach Sir George Everest benannt, dem ehemaligen Leiter der indischen Landvermessungen, sein Nachfolger gab dem Berg ihm zu Ehren den Namen …“ – „Als John Deacon die geniale Bassline von Under Pressure im Kopf hatte, vergaß er sie plötzlich nach einem Mittagessen, zum Glück fiel sie ihm später wieder ein …“ und so weiter und so fort. Manchmal gibt es Funken, die wirklich viel auslösen. Jahrelange Recherchen über das englische Mittelalter oder die japanische Kultur oder ein Tauchschein sind die Folge. Heute finde ich diesen Wesenszug von mir spannend, ich denke, es macht mich zu einer durchaus interessanten Person. Früher hingegen litt ich darunter.
Die Erklärung für alles war die Ente
Denn ich wusste als Jugendliche nie so richtig, was ich eigentlich mal machen möchte. Mein Entendasein schlug auch hier zu. An einem Tag fand ich das interessant, am nächsten schon wieder etwas ganz anderes. Ich konnte mich auf nichts festlegen. Ich sah, wie andere um mich herum Leidenschaften entwickelten – für die Musik, für Computer, für Tiere. Sie gingen zielstrebig ihrem Ding nach. Sie fanden Berufe, die zu ihnen passten, und entwickelten Skills, die sie auszeichneten. Ich sah zu und wurde älter. Ich verliebte mich, wurde Mama und dachte immer, jetzt müsste doch auch einmal in der beruflichen Richtung das „eine Ding“ kommen – das, was mich fesselt und hält. Aber was hatte ich zu bieten? Eine Reihe von wirrem und auf den ersten Blick zusammenhangslosem Wissen. Mein Mann ist – und war es schon immer – ein äußerst begabter Computernerd. Schon früh entwickelte er sein Interesse dafür und baute es mit den Jahren aus. Er fand ein Unternehmen, in dem er wachsen konnte. Ich wollte auch so etwas. Wollte ein Profi, in irgendwas eine Expertin sein. Aber ich fand nichts. Ich tingelte durch die Berufswelt und probierte mich aus. Aber nichts fesselte mich so, wie es einen Wissenschaftler an seine Theorien fesselt. Und dann fand ich den Entenartikel. Eine Erklärung für alles.
Ente gut, alles gut
Ich muss gar nicht, wie so viele andere, diese Zielstrebigkeit zu einem einzigen Ziel hin entwickeln. Ich liebe meine Vielseitigkeit, meine sich wandelnden Interessen. Wenn ich einmal hier und dort reinschnuppern möchte, dann kann ich das tun, und wenn es für mich weitergeht, geht es eben weiter. Mit den Jahren begann ich meine Art wirklich zu mögen. Vieles auszuprobieren und Feuer und Flamme zu sein für wechselnde Themen, wurde zu einer Seite von mir, die ich plötzlich feierte. Dadurch konnte ich schon viele spannende Gespräche führen und verschiedene Jobs ausprobieren. Mittlerweile habe ich beruflich auch mehr Ruhe gefunden, denn ich habe mich so akzeptiert, wie ich bin. Der Druck ist raus. Dieses „Ich muss erfolgreich im Beruf sein“ oder „Ich muss doch auch privat mal richtig fundiertes Wissen entwickeln zu irgendeinem Thema“. Vor allem möchte ich glücklich sein, und das war ich bereits, als ich mir immer noch den Kopf zerbrach, wo die Reise hingehen soll. Ich wusste es nur noch nicht. Die Reise an sich ist doch bereits das Schöne, das Ziel zu erreichen, das klingt so endgültig. Lieber weiterreisen. 😊
Und mein Wissen hatte ich dabei all die Jahre unterschätzt, es kommt nämlich viel zusammen, so als Ente. Nun gibt es durchaus Fixpunkte in meinem Leben, die ich schätze und brauche: meine Familie und meine kleinen Rituale im Alltag. Feste Interessen, die als Kind schon da waren und geblieben sind, wie das Lesen und meine Reiselust. Dafür bin ich dankbar. Ich bin gerne eine Ente. Kein Profi in einem bestimmten Thema, aber durchaus mit ganz viel Wissen gefüllt, von Harry Potter (obwohl ich da vielleicht tatsächlich eine Expertin bin) bis hin zu den englischen Rosenkriegen. Allen, die sich noch nicht festgelegt haben und sich fragen, wieso denn nicht diese eine Leidenschaft aufpoppt, und denken, irgendwas stimme nicht, kann ich sagen: Alles stimmt. Du bist so. Genieße deine Vielseitigkeit und lebe deine Leidenschaft für viele Dinge und Themen aus. Alle, wie sie mögen. 😊

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