
Bücher verschaffen nicht nur Wissen oder kurzweilige Unterhaltung. Sie können das Tor zu neuen Welten sein. Wir können uns dank ihnen entwickeln, in Richtungen, die wir vorher gar nicht auf dem Schirm hatten. Und wenn wir einmal außerhalb unserer Komfortzone lesen, werden diese Welten größer und wir noch reicher.
Wenn die Realität nicht genug ist
Schreiben ist für Menschen, denen die Realität nicht genug ist – so oder so ähnlich stand es in einem meiner Bücher für mein „Studium für Literarisches Schreiben“. Ich fand diese Beschreibung schön, der Gedanke, dass die Fantasie zu groß für die Realität ist, dass diese ein Ventil braucht, in dem Fall das Schreiben. Meiner Meinung nach gilt das Prinzip auch fürs Lesen. Schon immer hatte ich eine lebhafte Fantasie. Meine Vorstellungskraft ist enorm und findet ihren Raum beim Lesen. Denn dann sehe ich die Protagonisten, die Szenerien werden vor meinem geistigen Auge lebendig. Ich liebe es, in fremde Welten einzutauchen, während des Buches bin ich Teil der Geschichte und schaue nicht nur vom Rand aus zu. Spüre die Freude, das Leid, bin aufgeregt, tatsächlich kribbelt es in meinem Bauch, wenn es spannend wird oder ich gerührt bin. Lesen wurde zu einer Selbstverständlichkeit für mich, so wie andere täglich die Nachrichten lesen/schauen, so lese ich Bücher. Anfangs noch, in meiner Jugend, recht einseitig, vor einigen Jahren dann folgte ich einem Impuls und griff zu einem Buch außerhalb meiner Komfortzone. Genau die richtige Entscheidung. Denn heute macht das Lesen für mich diese einzigartige Mischung aus. Hier möchte ich von einigen meiner Impulskäufe berichten, die mich im Allgemeinen zu 99 % nie enttäuscht haben. Und erzählen, was diese Bücher mir Gutes getan haben. Diese Welten außerhalb meines gewöhnlichen Musters. Vorab möchte ich aber noch kurz die Buchreihe vorstellen, die mich zum Lesen gebracht hat.
Harry Potter und seine Weisheiten

Alles begann in meiner frühen Jugend mit dem „Auserwählten“, mit „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling. Mein Papa kaufte mir den ersten Teil der Harry-Potter-Reihe, als er rauskam, da das Buch in aller Munde war. Ich kenne seine genauen Beweggründe nicht, aber danke! Harry führte mich nicht nur in eine „zauberhafte“ Welt. Vor allem gelangte ich in eine Welt, in der Freundschaft und die Liebe, Harrys Geheimwaffe, die er so oft infrage stellt, das Wichtigste ist, und erkannte, dass das stimmt. Harry Potter ist voll von Weisheiten, die mir in der Jugend und auch jetzt noch imponieren. Sirius, Harrys Patenonkel, erklärt ihm, dass die Welt sich nicht nur in gute Menschen und Todesser (hier die Bösen) unterteilt, um ein Beispiel zu nennen. Immer wieder fiel mir dies ein und zeigte mir, dass es ganz viel dazwischen gibt. Nicht nur Schwarz-Weiß. Ich wurde tatsächlich toleranter. Dumbledores Satz an Harry, der sagt, dass seine Entscheidungen wichtiger sind als seine Fähigkeiten, denn diese zeigen, wer er wirklich sei, war ein guter Wegbegleiter in meinem Leben. Dumbledore glaubt so sehr daran, dass die Liebe wichtiger ist als alles andere, und bei so vielen Protagonisten in den verschiedenen Teilen sehen wir, dass er recht hat. Severus Snape lässt grüßen. 😊 Bis heute zählt Harry Potter zu meinem liebsten Werk.
Ein Impulskauf mit Folgen

In den folgenden Jahren gehörten neben Fantasyromanen vor allem historische Romane, ein paar Klassiker, Thriller/Horror (hier meist Stephen King) dazu. Viel Gutes bis Herausragendes war dabei, doch es war sehr einseitig. Dann passierte etwas. Ich wurde, wie in meinem vorherigen Artikel „Kein Winterbluse für mich“ beschrieben, zu einer Person, die die Jahreszeiten allesamt liebte. Das veränderte auch mein Leseverhalten. Ich aß saisonaler und wollte dann saisonal lesen. Mag komisch klingen, aber das war eben mein Wunsch. Es war Sommer und ich stöberte in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen. Doch diesmal nicht in den gewohnten Ecken, sondern bei den Romanen, die in der Mitte auf einem großen Tisch lagen. Alles sah nach Sommer aus. Auf den Covern waren Schwimmbäder, das Meer, Cocktails und Menschen auf ihrem Weg zu einem Roadtrip, zu ihrem größten Abenteuer. Ein kleineres Buch erweckte meine Aufmerksamkeit. „Drei Uhr morgens“ von Gianrico Carofiglio. Ich wollte nicht zu viel vom Klappentext lesen, oft ist dieser verräterisch. Ich vertraute meinem Bauchgefühl und kaufte es. Für mich damals ein absoluter Impulskauf. Was soll ich sagen. Eine unglaublich berührende Geschichte zwischen Vater und Sohn, die sich das erste Mal in ihrem Leben wirklich kennenlernen. Es spielt in Marseille, es ist Sommer, es ist heiß. Der Sohn, 18 Jahre alt, leidet an einer Krankheit und muss die nächsten 48 Stunden aus medizinischen Gründen wach bleiben. Sein Vater beschließt, mit ihm wach zu bleiben. Lange Gespräche entstehen, Verständnis füreinander baut sich auf und die liebevolle Geschichte nimmt ihren Lauf. Am Ende musste ich weinen. Dieses Buch war der Auftakt für mich in eine vielfältigere Bücherwelt.
Unser Weg nach Großbritannien

Ein weiterer Impuls wurde bei mir geweckt, als ich nach vielen Jahren wieder einmal den Film „Braveheart“ sah und plötzlich mehr über die Geschichte um William Wallace und den englischen König Eduard I. wissen wollte. Ein kurzer Blick ins Internet genügte und ich kaufte das Buch „Von Ratlosen und Löwenherzen – eine kurzweilige, aber nützliche Geschichte des englischen Mittelalters“ von Rebecca Gablé. Mit sehr viel Humor wird die Epoche des 5. Jahrhunderts, vom Abzug der Römer aus England bis hin zum Ende der Rosenkriege im Jahr 1485, geschildert. Mein Interesse entwickelte sich weiter, ich las viel über die eben genannten Rosenkriege und Biografien über englische Königinnen wie Eleonore von Aquitanien. So führt doch immer eins zum anderen. Wenn wir uns selbst erlauben, außerhalb unserer eigenen Grenzen zu schauen und vielleicht etwas Spannendes, Neues entdecken. Eine Reise durch Großbritannien mit der Familie folgte. 😊
Übers Meer und hoch hinaus

Und wieder einmal schlenderte ich durch die Buchhandlungen und was sah ich? Das Antlitz des Christoph Kolumbus, sein Bordtagebuch. Sofort war ich neugierig. Was wusste ich schon darüber? Nicht viel, musste ich mir eingestehen. Ich kaufte gebraucht das Buch (das mache ich übrigens gerne. In der Regel lese ich über mein Kindle, manches bekomme ich aber nicht auf diesem Weg) „Aufbruch ins Unbekannte – Christoph Kolumbus – das Bordbuch“ von Weltbild. Ich konnte ziemlich schnell Kolumbus‘ Besessenheit nachvollziehen, einen Seeweg nach Indien über den Westen zu finden. Als er dann im heutigen San Salvador landete, war er davon überzeugt, es geschafft zu haben. Zu seinen Lebzeiten erfuhr er nie, dass er einen neuen Kontinent entdeckte und nie in Indien war. Die Tragik der Geschichte, die Versklavung der einheimischen Bevölkerung, die Kolonialisierung, das alles ging mir sehr ans Herz und ich musste viel darüber nachdenken.

Um bei einem weiteren Tatsachenbericht, so nenne ich das jetzt einfach einmal, zu bleiben, möchte ich noch unbedingt das Buch „In eisige Höhen“ von Jon Krakauer nennen. Das Buch stand im Verkaufsraum einer großen Buchhandlung auf dem Weg zur Toilette sehr mittig, man musste es einfach sehen, und ich starrte auf das Cover, auf dem sich ein paar Bergsteiger durch den Schnee bemühen. Impuls nachgegeben, Klappentext überflogen, gekauft. Noch nie habe ich ein Buch in dieser Art so schnell durchgelesen. Abends wollte ich noch ein Kapitel beenden, es wurden fünf. Eine kommerzielle Expedition führt eine Gruppe von Bergsteigern 1996 auf den Mount Everest. Die Schönheit des Berges, aber auch die Strapazen werden so bildlich geschildert, dass ich dachte, ich stünde auch auf dem Gipfel. Die tragische Kehrtwende, der plötzlich aufkommende Sturm, führte dann zu einem großen Unglück. Nach dem Buch und ein paar Dokus über das Himalaya-Gebirge habe ich dieses nun auch im Hinterkopf für eine eventuelle Reise gespeichert.
Kinderbücher sind nicht nur für Kinder

Da ich Mama bin und meiner Tochter das Lesen auch näherbringen wollte, begann ich damit, Kinderbücher zu lesen, und begriff schnell, dass es keinen Grund gibt, als Erwachsener keine Kinderbücher zu lesen. Anfangs wollte ich ihr einfach Bücher empfehlen können, doch schnell wurde daraus eine Leidenschaft für mich selbst, meine Tochter fand allein ihre Bücher und ich bekam Empfehlungen von ihr. Wie „Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder“ von Claudia Frieser. Die Buchreihe umfasst vier Teile und jeder ist wirklich sehr gut gelungen. Oskar reist in die Vergangenheit, ins mittelalterliche Nürnberg Albrecht Dürers, ins 15. Jahrhundert. Dort sieht er selbst, wie es war, zu dieser Zeit zu leben, und ohne Umschweife erfahren wir als Leser, wie sich das alltägliche Leben gestaltete. Hart war es, nebenbei gesagt. Oskar erlebt mit seinen Freunden heldenhafte Abenteuer und macht Geschichte lebendig. Der Buchreihe verdanken wir zwei Ausflüge nach Nürnberg. Wer mittelalterliche Architektur mag, wie ich, wird diese Stadt lieben.
Grafische Literatur bringt mir Kulinarik näher

Kommen wir nun zu einer Kategorie, mit der ich schon lange liebäugelte, aber erst recht spät anfing, hier reinzulesen. Schon als Kind sah ich gerne Animes, aber Mangas las ich nie. Dann erblickte ich auf einem Plakat eine junge Frau auf den Stufen des U-Bahnhofes Klosterstraße Berlin, die mich leicht irritiert ansah. Werbung für den Manga „Sayonara Tokyo, Hallo Berlin“ von Nugiko Kutsushita, und es ist ein tolles Werk, um in das Genre „Slice of Life“ in der Manga-Welt einzutauchen. Hier geht es um das Leben, um das normale alltägliche Leben. Eine junge Frau zieht von Tokyo nach Berlin, sie ist Fotografin und ziemlich schüchtern, was so einen Neustart nicht gerade einfach macht. Sie zieht in eine WG und wird mit dem neuen Leben und Gepflogenheiten, die so ganz anders sind als das, was sie kennt, täglich konfrontiert. Kulturschocks inbegriffen. 😊 Es gibt zwei Teile und diese strotzen nur so von Rezepten, denn die Protagonistin probiert vieles in ihrer WG-Küche aus, auch um dem Heimweh entgegenzuwirken. Denn vertrautes Essen erinnert immer, egal wo man ist, an zu Hause. Eine herrliche Ginger-Limonade war das Resultat in meiner Küche. In einigen Mangas wurde ich bereits zu Rezepten inspiriert oder dazu, ein neues Restaurant auszuprobieren.
Der Bildband für visuelle Inspiration und als Quelle für Tatendrang

Zu guter Letzt möchte ich noch auf eine mir äußerst wichtige Kategorie eingehen, die Bildbände. Ich habe mittlerweile einige und diese kaufe ich natürlich ausschließlich als Buch, nicht in digitaler Form für das Kindle. Und meist gebraucht. Ich war schon immer interessiert an Inneneinrichtung, aber dieses Interesse war eher ganz banal am Rande. Doch nach und nach folgte ich meiner Eingebung und bestellte mir Bildbände zum Thema Landhäuser und Co. Das hatte natürlich einige Ideen für die Einrichtung daheim zur Folge. Hier möchte ich aber ein anderes Buch erwähnen, das ich gezielt im Buchladen suchte, da ich bereits mit dieser Form der Kunst in Museen in Berührung kam: „Hiroshige“ von Adele Schlombs. Hiroshige war ein bedeutender japanischer Künstler des 19. Jahrhunderts, der für seine Ukiyo-e-Holzdrucke bekannt geworden ist. „Ukiyo“ bedeutet so viel wie „für den Augenblick leben“. Diese damalige beliebte Form der Kunst zeigte alltägliche Szenen des Lebens in Japan. Bauern auf dem Feld, Menschen beim Überqueren einer Brücke, Straßenfeste, aber natürlich auch die Landschaft, die Berge, das Meer, die Kirschblüte, den Herbstbaum. Dieses Buch ist kein reiner Bildband, es gibt auch viel Text mit Erklärungen zu den Holzdrucken. Ich erwähne es hier, da es mich selbst zum Malen inspiriert hat und einiges Schöne dabei entstand. Und darum geht es mir letztendlich, ums Ausprobieren, Entdecken und darum, die Resultate am Ende zu genießen.
Dank Bücher mehr erleben
Ich hoffe, ich konnte hier ein wenig vermitteln, dass man nichts zu verlieren hat, wenn man seine Fühler ausbreitet. Dieses Prinzip kann man sicher nicht nur auf das Lesen anwenden, aber hier konnte ich schön auf Beispiele eingehen, die mich persönlich angeregt haben. Manches brachte mich zu fremden Orten wie Großbritannien und Nürnberg. Manches bescherte mir Gaumenfreuden in Form von Limonade, manches bewegte mich dazu, einen Stift in die Hand zu nehmen und zu malen. Manches begleitet mich schon so lange und ich gebe es jetzt an meine Tochter weiter (die Harry Potter zum Glück auch mag). Manches verschaffte mir Adrenalin, auch wenn ich nicht selbst den Berg besteige. Und manches öffnete mir die Welt zu wunderbaren, gefühlvollen Romanen, auf die ich mich jeden Sommer freue, denn sie gehen direkt ins Herz. Im Laufe des Jahres werde ich immer mal wieder über Bücher schreiben, besonders wenn es um das „saisonale Lesen“ geht. Bücher sind mir wichtig und ich freue mich, wenn ich Anregungen fürs Lesen schaffen kann. 😊
Ein kleiner Tipp noch am Rande: Ich weiß, dass viele Menschen keine oder kaum Zeit zum Lesen haben. Wenn ihr trotzdem anfangen wollt, reicht es schon, täglich eine Seite, einen Absatz oder auch nur einen Satz zu lesen. Es braucht nicht viel zu sein, kein Druck, alle, wie sie mögen. 😊
Abschließen möchte ich mit dem Zitat von George R. R. Martin: „Ein Leser lebt tausend Leben, bevor er stirbt. Der Mann, der nie liest, lebt nur eins.“

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