
Mit sich selbst allein zu sein, kann sich für viele Menschen immer noch seltsam anfühlen. Allein ins Café, allein einen Spaziergang machen? Aber „allein“ bedeutet keineswegs „einsam“, und manch eine/r wird staunen, wie die eigene Gesellschaft neue Blickwinkel eröffnet und wie sich ein Spektrum neuer Möglichkeiten aufzeigen kann.
Eine interessante Erfahrung
Ich spaziere immer wieder gerne entlang bekannter Pfade und eines Tages nahm ich meine Freundin mit. Ich wollte ihr den Weg zeigen, die versteckten Stellen, wo man immer mal wieder den Eisvogel erwischen oder den Biber am Bach beobachten kann. Die einzelnen Bäume, die mir bereits ans Herz gewachsen sind, denn ich weiß genau, wie weit sie im Frühling mit den frischen grünen Blättern und im Herbst mit dem bunten Blattwerk sind. Meiner Freundin wollte ich die schönsten Ecken zeigen und irgendwie ging ich davon aus, dass es wie immer wird, ruhig, entspannt und voller kleiner „Wow-Momente“ wegen der Natur um uns herum. Aber, und das hätte ich mir auch denken können, haben wir geredet. Viel geredet. Über ihre Arbeit, ihre Pläne, die Familie, meine Arbeit. Wir gingen zügig, sie ist eine schnelle Spaziergängerin. Wir marschierten an allem vorbei. Ab und an konnte ich sie zum Anhalten animieren. Sie schaute sich kurz um und sagte „schön”, weiter ging es. Ich will ihr nicht unterstellen, dass sie nichts wahrnahm und ihr alles egal war, was sich um uns herum zutrug. Aber sie war eben anders unterwegs. Und es war zusammen schön, nur bemerkte ich, dass es allein eben auch schön ist. In manchen Situationen vielleicht sogar noch schöner, das kommt ganz auf die Stimmung an. Ich realisierte etwas, das ich schon lange wusste:
Ich liebe es, mit mir allein zu sein. Ich liebe meine Gesellschaft.
Und das ist überhaupt nicht langweilig oder komisch. Ich bin gerne unterwegs, sehe mir meine Umgebung an und gehe ins Café. Als ich damit begann, dies allein zu tun (mein Mann geht nicht gern ins Café, er mag keine Heißgetränke 😊), stellte ich schnell fest, dass ich solo die Dinge um mich herum intensiver wahrnahm. Ich lasse mir so lange Zeit, wie ich möchte, beim Betrachten des Baumes, beim Trinken des Kaffees und in der Buchhandlung. Ich mache mir zu allem Möglichen meine eigenen Gedanken und setze mich damit auseinander. In Begleitung wird mein Fokus oft schnell abgelenkt, ich werde in Gespräche verwickelt. Das darf man nicht falsch verstehen, ich genieße die Gespräche mit meiner Familie und meinen Freunden sehr, aber eben auch die Ruhe und die Zeit, in der ich mit meinen Gedanken allein bin. Es fühlt sich nicht einmal so an, als wäre ich „allein”, denn ich bin ja in meiner Gesellschaft. Klingt vielleicht seltsam, aber so empfinde ich es.
Alleinsein als Gamechanger
Mittlerweile ist es völlig normal für mich, an meinem freien Tag unter der Woche loszuziehen. Besonders gerne gehe ich in mein Lieblingscafé in die Innenstadt oder in mein zweitliebstes etwas weiter außerhalb. Ich lese, ich schreibe, ich komme ab und an mit meinem Tischnachbarn ins Gespräch. Ich probiere ein neues Getränk aus, wenn es eins gibt. Ich spaziere entlang meiner Pfade, durch die Stadt oder abseits. Aber auch neue Routen gilt es zu entdecken. Ein Freund von mir fragte mich einmal: „Und dann läufst du da einfach so allein herum?” Ich fand die Frage komisch. Ich frage ihn ja auch nicht: „Und du sitzt dann einfach so allein zu Hause rum?” Aber von seiner Sicht aus, ist es tatsächlich ein wenig befremdlich, wenn ich allein unterwegs bin. Besser gesagt, für ihn wäre das befremdlich. Er sieht sich nicht in dieser Rolle, aber sei`s drum, es muss nichts für alle sein, aber ausprobieren kann man es vielleicht ja doch einmal?
Jedenfalls bin ich froh zu sehen, dass es mittlerweile immer mehr Menschen gibt, die sich mit „sich selbst“ auf den Weg machen. Wir grüßen uns im Café und verstehen einander. Für mich war diese Erkenntnis, dass es allein durchaus schön ist, ein Gamechanger. Keine Abhängigkeit mehr von anderen, wie sie Zeit haben, um mit mir spazieren oder ins Café zu gehen. Natürlich liebe ich es weiterhin, mit meiner Familie oder meinen Freunden unterwegs zu sein. Oft entdecke ich was Cooles, Neues und möchte es dann unbedingt meiner Tochter zeigen. Wir planen dann einen Ausflug und genießen die Zeit zusammen. Ich liebe die Abwechslung zwischen Gemeinsamkeit und Mir-selbst-Sein.
Danke Papa
Ich denke, meine Einstellung dazu fasste Fuß in meiner Kindheit. Ich sah es von klein auf bei meinem Papa, dass er allein unterwegs war. Er ist seit langem Single und genießt seine Zeit mit sich selbst in vollen Zügen, oder man kann es auch so sagen: Er nutzt seine Zeit! Er sagte mir früh schon, dass er nicht warten kann, bis er jemanden gefunden hat, der mit ihm an der Küste nach Steinen sucht oder die Reise nach Namibia macht. Wir waren oft zusammen im Urlaub. In ganz Deutschland und auch im Ausland. Er war aber eben auch sehr viel allein unterwegs und das realisierte ich als Kind schon. Ich verdanke ihm also viel, was meine Ansichten angeht. Ein weiteres Zitat von ihm, er sagte es mir einst bei einer Autofahrt, ich werde es nie vergessen: „Nicht jeder hat das Glück, in seinem Leben den passenden Deckel für seinen Topf zu finden. Du hast ihn gefunden, das freut mich sehr. Ich nicht. Das heißt aber nicht, dass ich weniger glücklich bin.” Und warum sollte er sich deswegen zu Hause einigeln? Oder wieso sollte ich, auch mit Mann und Kind, nichts allein unternehmen? Und für all die, die noch zweifeln: Probiert es aus! Schätzt eure eigene Gesellschaft. Aber am Ende bleibt es wie immer dabei: Alle, wie sie mögen. 😊

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